Seit ‘den vielen Geflüchteten’ ist es nachts in Deutschland unsicherer geworden.

Veröffentlicht am 28. August 2025 um 18:59

Fakten-Check (60 Sekunden)

  • Behauptung: Die Nächte seien unsicherer geworden – „wegen der Geflüchteten“.

  • Urteil: Irreführend/falsch verallgemeinert.

    1. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) misst keine „Flüchtlings“-Eigenschaft, sondern u. a. „Nichtdeutsche“ und in separaten Lagebildern „Zuwanderer“ (asyl-/schutzbezogene Aufenthaltstitel). Ein direkter Nachweis, dass „die Nacht“ wegen Geflüchteter unsicherer geworden sei, existiert nicht. Bundeskriminalamt+1

    2. Gewaltkriminalität ist 2024 zwar leicht gestiegen (+1,5 % ggü. 2023), aber die Ursachen sind vielfaktoriell (u. a. Jugendgewalt, Messerangriffe, Diebstahl-/Raubtrends); daraus folgt kein kausaler Beleg „Geflüchtete ⇒ unsichere Nacht“. BMI Bundesgesundheitsministerium

    3. Sicherheitsgefühl nachts ist traditionell niedriger (besonders bei Frauen) – das zeigen Viktimisierungs­surveys seit Jahren; sie belegen Wahrnehmung, nicht automatisch mehr Taten und nicht „wegen Geflüchteter“. Bundeskriminalamt+1


Fakt 1: Was die amtlichen Zahlen wirklich abbilden

  • Die PKS erfasst polizeilich registrierte Straftaten und Tatverdächtige; sie sagt nichts darüber, ob jemand „Flüchtling“ ist. In Sonderberichten betrachtet das BKA „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ – dort sind Zuwanderer eine engenormierte Gruppe (Asylsuchende, Schutzberechtigte etc.). Das ist nicht deckungsgleich mit „alle Migrant:innen“ und schon gar nicht mit „alle nachts begangenen Taten“. Bundeskriminalamt+1

  • Tatzeit wird in PKS-Tabellen getrennt ausgewiesen (Tag/Abend/Nacht), aber nicht standardmäßig mit „Zuwanderer“-Status verknüpft. Ein „Beweis“ für „Geflüchtete machen die Nacht unsicherer“ lässt sich daraus nicht lesen. Bundeskriminalamt

Fakt 2: Entwicklung von Gewalt – ja, aber mehr als ein Faktor

  • PKS 2024: Gewaltkriminalität 217.277 Fälle (+1,5 %), Messerangriffe knapp 15.700 (gerundet; BKA/BMI). Das sind reale Herausforderungen (u. a. Jugendgewalt, Raub, Körperverletzung). Kausal auf „Geflüchtete“ zu schließen, ist unzulässig – schon weil die PKS den Flüchtlingsstatus gar nicht abbildet. BMI Bundesgesundheitsministerium

  • Kontext: 2023/2024 stieg auch die Zahl nicht-gewaltbezogener Delikte (Diebstahl, Betrug), die sich auf Ökonomie/Gelegenheiten zurückführen lassen. „Die Nacht“ ist hier nicht die Variable – und „Geflüchtete“ erst recht nicht. BMI Bundesgesundheitsministerium

Fakt 3: Was die Zuwanderungs-Lagebilder sagen (und was nicht)

  • Das BKA-Lagebild zu „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ liefert Proportionen zu Zuwanderer-Tatverdächtigen für alle Tageszeiten zusammenkeinen Nacht-Beweis. Es mahnt selbst zur Vorsicht bei Vergleichen (Demografie, Registrations­effekte, Deliktsmix). Bundeskriminalamt+1

  • Ein Auswertungsbeispiel (2023): Fachartikel, die PKS-/BKA-Zahlen diskutieren, nennen Zuwanderer-Anteile an allen Tatverdächtigen im einstelligen Bereich (ohne ausländerrechtliche Verstöße) – weit entfernt von einer pauschalen Erklärung „die Nacht sei unsicher wegen ihnen“. Wichtig: „Tatverdächtig“ ≠ „schuldig“. Kriminalpolizei

Fakt 4: Wahrgenommene Unsicherheit nachts – altbekannt und sozial/örtlich geprägt

  • SKiD 2020 (bundesweite Dunkelfeldstudie) und spätere Länderberichte zeigen: Nachts fühlen sich Menschen deutlich unsicherer als am Tag – das ist ein robustes Muster über Jahre. Besonders betroffen: Frauen, ältere Menschen, Großstadtlagen/ÖPNV. Das ist Wahrnehmung (Sicherheitsgefühl), nicht automatisch mehr Kriminalität. Bundeskriminalamt+1

  • Neue Analysen (2025, DIW): Sicherheitsgefühl ist regional & sozial ungleich verteilt; Debatten und Medienereignisse verstärken Wahrnehmungen – ohne dass jede Verschlechterung im Gefühl eine tatbestandliche Zunahme in der Nacht belegt. DIW Berlin+1

Fakt 5: Warum der Mythos verführt – drei typische Denkfehler

  1. Zeitreihenmix: Einzelereignisse bei Nacht (medienwirksam) werden zur Trendbehauptung aufgeblasen. PKS/SKiD verlangen aber Jahres- und Strukturvergleich, nicht Anekdoten. Bundeskriminalamt

  2. Kategorien­verwechslung: „Ausländer“ ≠ „Zuwanderer“ ≠ „Geflüchtete“ – und keine dieser Kategorien wird in der PKS mit „Nacht“ verknüpft. Bundeskriminalamt

  3. Demografie-Effekt: Junge Männer sind in allen Bevölkerungen überproportional in Gewaltstatistiken – ein bekannter Befund. Wer nur die Herkunft betont, überblendet Alter/Geschlecht, Milieu, Alkohol, Hotspots.


Häufige Einwände – nüchtern beantwortet

„Aber die Gewalt ist doch gestiegen!“
Ja, 2024 +1,5 % Gewaltfälle. Das erklärt nicht, wer zu welcher Zeit dafür verantwortlich ist – und schon gar nicht „die Geflüchteten“ als Monokausalität. BMI Bundesgesundheitsministerium

„Polizei/Innenminister sagen, Zuwanderung trage bei.“
Ein Beitrag in Teilbereichen kann sein – aber: a) „Zuwanderer“ ist eng definiert, b) die PKS misst keine Nacht-Kopplung, c) viele Delikte (Diebstahl, Betrug) sind nicht nachtgebunden. Pauschalurteile über „die Nacht“ tragen nicht. Bundeskriminalamt+1

„Aber ich fühle mich nachts unsicherer.“
Das ist ernst zu nehmen – und deckt sich mit Viktimisierungsstudien. Es belegt Wahrnehmung, nicht automatisch Mehrkriminalität „durch Geflüchtete“. Ziel muss sein: Hotspots entschärfen, Präsenz, Licht/ÖPNV-Sicherheit, Prävention. Bundeskriminalamt


„Fakten-Wir-Ab“: So prüfst du die Aussage selbst (2-Min-Pfad)

  1. PKS 2024 (BMI/BKA): Entwicklung Gewalt, Messerangriffe – keine Schlussfolgerung „Nacht + Geflüchtete“. BMI Bundesgesundheitsministerium+1

  2. BKA-Lagebild „Zuwanderung“: Lies Definitionen und Einschränkungen (kein Nacht-Cross­tab). Bundeskriminalamt

  3. Tatzeit-Tabellen der PKS ansehen – aber: nicht mit „Zuwanderer“ verknüpft. Bundeskriminalamt

  4. SKiD/Dunkelfeld: Unterschied zwischen Gefühl und Tatzahlen verstehen. Bundeskriminalamt+1

  5. DIW/Regionalsicht: Sicherheitsgefühl ist ungleich verteilt – Vorsicht vor Pauschalen. DIW Berlin


Kurz & teilbar – drei Sätze

  • Kein Datenbeleg dafür, dass „die Nacht“ wegen Geflüchteter unsicherer geworden ist; PKS koppelt Tatzeit ≠ Flüchtlingsstatus. Bundeskriminalamt+1

  • Gewalt stieg 2024 leicht, aber Ursachen sind vielfach – nicht monokausal „Migration“. BMI Bundesgesundheitsministerium

  • Sicherheitsgefühl nachts ist traditionell niedriger – das zeigen Surveys, nicht ein „neuer Flüchtlings­effekt“. Bundeskriminalamt


Fazit

Das Bauchgefühl „nachts ist es wegen Geflüchteter gefährlicher“ hält keiner sauberen Prüfung stand. Belege fehlen – sowohl zur Tatzeit-Kopplung als auch zur Kausalität. Wer ehrlich über Sicherheit reden will, schaut auf Hotspots, Prävention, Präsenz, Licht, ÖPNV, Alkohol, Jugendgewalt – und arbeitet mit soliden Daten statt Sündenböcken. AB-GE-FAKT. BMI Bundesgesundheitsministerium+1


Quellen (Auswahl)

  • BMI/BKA – PKS 2024 (Presse/Report): Gewalt +1,5 %, Messerangriffe erfasst – kein „Nacht × Flüchtlingsstatus“. BMI Bundesgesundheitsministerium+1

  • BKA – PKS & Lagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“: Definitionen, methodische Hinweise. Bundeskriminalamt+1

  • PKS-Tabellen „Tatzeit“: Zeitbänder, jedoch ohne Verknüpfung zu Zuwanderungsstatus. Bundeskriminalamt

  • SKiD 2020 / BMI-Hinweise: Sicherheitsgefühl (nachts geringer), Differenz Gefühl/Tatzahlen. Bundeskriminalamt+1

  • DIW 2025 – Sicherheitsgefühl ungleich verteilt: Regionale/soziale Unterschiede. DIW Berlin